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People Are People

Depeche Mode


PEOPLE ARE PEOPLE von Depeche Mode kombiniert Elemente des Industrial mit eingängiger Popmusik und war maßgeblich für die Verbreitung dieser Klangästhetik verantwortlich.
 

I. Entstehungsgeschichte

Mit der Single PEOPLE ARE PEOPLE präsentierten sich Depeche Mode 1984, vier Jahre nach ihrer Gründung, erwachsener und ausgereifter als bei ihrem Debut. Angekündigt hatte sich dies bereits bei ihrem vorherigen Album Construction Time Again (1983), das die Abkehr von dem teilweise naiv klingenden Synthi-Pop der vorherigen Single-Auskopplungen (etwa "Dreaming Of Me" oder "Just Can’t Get Enough") zeigte. Die Klangästhetik wurde jetzt auch von metallischen und düsteren Klängen geprägt, wobei der Popbezug immer deutlich blieb. Stilprägend für diese Schaffensphase von Depeche Mode war neben den Synthesizern die Verwendung von Samplern, die die Verwendung jeglichen aufgenommenen Klangmaterials ermöglichten. Bei den Aufnahmen von PEOPLE ARE PEOPLE standen ein Emulator II und ein Synclavier zur Verfügung, mit denen die geräuschartigen Klänge (vor allem Metallgeräusche wurden hier verwendet) aufgenommen, bearbeitet und über eine Klaviatur gespielt werden konnten. Das Klangbild ist daneben vor allem von druckvollen, teilweise auch aggressiven Synthesizerklängen geprägt. Die Synthesizer und Sampler wurden dazu durch Gitarrenverstärker mit verschiedenen Verzerrungseinstellungen und durch große PAs (Beschallungsanlagen) geschickt und diese wurden in unterschiedlich große Räume für verschiedene Halleffekte gestellt (vgl. Buskin 2007). Aufgenommen wurde PEOPLE ARE PEOPLE in den Hansa Studios in Berlin, die für die fortschrittliche tontechnische Ausstattung bekannt waren und in denen zum Beispiel bereits David Bowie seine bekannte Berlin-Trilogie produziert hatte. Produzenten waren Daniel Miller, A&R bei Mute Records, und Gareth Jones, der in dieser Zeit auch mit den Einstürzenden Neubauten arbeitete und bei der Produktion von PEOPLE ARE PEOPLE gleichzeitig Toningenieur war. Jones‘ Erfahrung mit der Industrial-Klangästhetik der Einstürzenden Neubauten beeinflusste die Herangehensweise bei Depeche Modes Produktionen in dieser Zeit.
 

II. Kontext

Die Veränderungen und Neuerungen und damit die musikalische Bedeutung liegt bei PEOPLE ARE PEOPLE weniger im Songwriting als vielmehr in der Klanggestaltung: prägend waren vor allem die metallischen Klänge, die den einzigartigen Charakter dieses Songs ausmachten. Das war 1984 allerdings keine musikalische Neuerung: Geräusche als Klangmaterial wurden bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im musikalischen Futurismus verwendet (jedoch hatte diese musikalische Entwicklung noch keine bedeutenden Auswirkungen). Ab den 30er Jahren sind Geräusche in manchen Orchesterwerken zu finden (etwa in Edgar Varese‘ Ionisation) und Ende der 40er Jahren entstand mit der konkreten Musik erstmals eine mit Geräuschen erstellte Musik. Seit den 70er Jahren lieferten Industrial-Bands wie etwa Throbbing Gristle eine brachiale, aggressive, düstere und von Geräuschen geprägte Musik. Diese Klangästhetik wurde bei PEOPLE ARE PEOPLE in abgeschwächter Form in den Popkontext eingebettet. Das besondere Merkmal bestand in dem neuartigen Klangbild, das diesem Titel sehr viel Aufmerksamkeit einbrachte und damit für den großen Erfolg ein elementarer Bestandteil war. Die eingängigen Melodien und Strukturen trafen zudem den Massengeschmack. An elektronische Klänge waren die Popmusikhörer in dieser Zeit bereits durch die den New Wave prägenden Synthesizer gewöhnt, wodurch sich der klangliche "Schock" für viele Hörer in Grenzen hielt. Auch repetitive, maschinenartige, elektronische Rhythmen, wie sie bei PEOPLE ARE PEOPLE verwendet wurden, waren durch Kraftwerk, House und EBM (Electronic Body Music) keine Neuerung, so dass im Endeffekt in dieser Zeit vorhandene klangliche Merkmale verknüpft wurden. Es wurde also nichts vollkommen neu erfunden, sondern – wie oft in der Musikgeschichte – vorhandene Bestandteile neu kombiniert.

Die Verwendung der gesampelten Metallgeräusche führte zu dem Vorwurf, dass der Produzent Gareth Jones angeblich die Samples von den Einstürzenden Neubauten (mit denen er in dieser Zeit zusammengearbeitet hatte), geklaut hätte (vgl. Wagner 1999: 161-162). Dieser von Blixa Bargeld geäußerte Vorwurf wurde von Gareth Jones bestritten: er habe zwar die Klangästhetik adaptiert, jedoch nicht die gleichen Samples verwendet (vgl. Buskin 2007). Songwriter Martin Gore gestand, dass sie ein wenig bei den Neubauten geklaut, aber die Klänge in einem anderen Kontext – eben im Popkontext – verwendet hätten (vgl. Reynolds 2007: 497). Dies blieb nicht der letzte Streit bei der Verwendung von Samples; vor allem im Hip-Hop gab es ab den 90er Jahren zahlreiche Rechtsstreits um Urheber- und Leistungsschutzrechte und die Rechteklärung wurde zu einem Bestandteil der Musikproduktion.

PEOPLE ARE PEOPLE erschien 1984, kurz bevor mit Some Great Reward eine komplette LP mit dieser Klangästhetik veröffentlicht wurde. In den folgenden Jahren spielten die geräuschartig-metallischen Klänge bei Depeche Mode keine besondere Rolle mehr, aber der düster-melancholische und von entsprechenden Synthesizerklängen geprägte Sound wurde auf den folgenden Alben weiterverfolgt und gehört bis heute zu ihrem Markenzeichen. PEOPLE ARE PEOPLE kann somit Festigung und Weiterentwicklung dieser Klangästhetik und als Wendepunkt in der Bandentwicklung gesehen werden.
 

III. Analyse

Bereits im Intro wird nach wenigen Sekunden der Charakter des Stücks klar: metallische Geräusche und ein elektronischer, klanglich sehr druckvoller Rhythmus leiten PEOPLE ARE PEOPLE ein. Der kurz darauf einsetzende Synthesizer-Basslauf unterstützt diese Stimmung und verdeutlicht, dass der bislang für Depeche Mode typische Synthipop durch einen schweren, ernsteren und aggressiveren Sound ersetzt wird. Der repetitive, harte und tanzbare Rhythmus zeigt Anleihen an die in dieser Zeit verbreitete EBM und bildet die Grundlage für den gesamten Titel. Musikalisch werden poptypische Merkmale bedient: Viervierteltakt, eingängige Melodien (vor allem im Refrain) und einfache Harmonik (die sich etwa im Chorus auf a-Moll mit wechelndem Grundton beschränkt). Der Gesang wurde mit Echo- und Halleffekten unterlegt und gedoppelt, so dass er auch bei dem insgesamt druckvollen und aggressiven Klangbild durchsetzungsfähig und kraftvoll klingt. In der Strophe (die ungewöhnlicherweise erst nach dem ersten Chorus folgt) wird ein zusätzlicher, weniger aggressiv klingender Synthesizer eingesetzt, der durch einen stärkeren Halleffekt weiter im Hintergrund als die anderen Instrumente angeordnet ist. Auch im Pre-Chorus wird ein flächiger Synthesizerklang verwendet, was eine weniger aggressive Stimmung erzeugt. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass hier Martin Gore den Gesangsteil übernimmt und ihn mit seiner weniger rauen Stimme und Gesangsweise prägt. Dadurch wird ein klanglicher Kontrast zu dem eher aggressiven Chorus erzeugt. Am Ende des Titels findet eine Steigerung statt, indem der von Gore gesungene Pre-Chorus mit einer auf allen Zählzeiten gespielten Snaredrum (die vorher auf den Zählzeiten 2 und 4 lag) und mit zusätzlichen Gesangseinwürfen des eigentlichen Sängers des Titels präsentiert wird. Charakteristisch für die Produktion insgesamt ist, dass sie auch auf kleinen Musikanlagen sehr druckvoll klingt.
 

IV. Rezeption

PEOPLE ARE PEOPLE war einer der größten Erfolge von Depeche Mode. Die Single erreichte mit der leicht verspäteten Positionierung im Sommer 1985 Platz 13 der Billboard Hot 100 und war damit auch Depeche Modes erster Hit in Amerika. Der größte Erfolg war in Deutschland zu verbuchen: hier hielt sich der Titel drei Wochen auf Platz eins. In Irland erreichte PEOPLE ARE PEOPLE Platz zwei, in der Schweiz und England jeweils Platz vier und in Österreich Platz sechs. Der Song wurde einige Male gecovert, etwa von Atrocity oder A Perfect Circle.

 

HEIKO WANDLER

 

Credits

Songwriter: Martin Gore
Sänger: Dave Gahan
Produzenten: Depeche Mode, Daniel Miller, Gareth Jones
Label: Mute Records
Länge: 3:43 (Single-Version)
            3:52 (Album-Version)
            7:11 (12"-Version)

 

References

  • Buskin, Richard: Classic Tracks: Depeche Mode's 'People Are People'. In: Sound on Sound, Februar 2007. URL: http://www.soundonsound.com/sos/feb07/articles/classictracks_0207.htm [25.11.2011].

  • Reynolds, Simon: Rip It Up and Start Again. München: Hannibal 2007.

  • Wagner, Peter: Pop 2000. Begleitbuch zur zwölfteiligen Fernsehreihe des WDR. Hamburg: Ideal Verlag 1999.

 

Links

  • Band-Homepage: http//www.depechemode.com [21.12.2011].

  • Database: http://www.discogs.com/artist/Depeche+Mode [21.12.2011].

  • Download: www.musicload.de/depeche-mode/people-are-people/musik/single/6583415_4 [21.12.2011].

  • Musikvideo: http://www.dailymotion.com/video/x2wr8_depeche-mode-people-are-people_music [21.12.2011].

  • Lyrics: http://www.depechemode.com/lyrics/peoplearepeople_album.html [21.12.2011].

 

About the Author

Heiko Wandler (Dr.) teaches Popular Music at the University of Popular Music and Music Business of Baden-Württemberg.

 

Citation

Heiko Wandler: "People Are People (Depeche Mode)". In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/peopleare, 12/2011 [revised 10/2013].

 

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