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Man in the Mirror

Michael Jackson


Der Song MAN IN THE MIRROR ist ein Appell für humanitäres Engagement. Seine Eindringlichkeit wird durch einen stetigen Anstieg musikalischer Intensität bis hin zum Einsetzen eines Gospel-Chores unterstützt. Mit diesem Song inszenierte sich Michael Jackson wirksam als karitativer Künstler.
 

I. Entstehungsgeschichte

Nach den beiden sehr erfolgreichen Alben Off The Wall (1980) und Thriller (1982) setzte sich Michael Jackson für sein neues Album Bad das Ziel, die Verkaufszahlen von Thriller (40 Millionen Dollar) noch zu übertreffen. Als Produzenten engagierte er Quincy Jones, mit dem er auch bei den vorherigen Alben schon erfolgreich zusammen gearbeitet hatte. Jeder Song sollte bis zur Perfektion ausgearbeitet werden, und aus diesem Grund wurde im Vergleich zu den vorherigen Produktionen wesentlich mehr Zeit in die Aufnahmen investiert. So vergingen zwischen Thriller und Bad fünf Jahre (vgl. Taraborelli 2000: 426f.).

Der Song MAN IN THE MIRROR wurde 1986 von dem amerikanischen Songwriter Glen Ballard komponiert, den Text verfasste die R&B-Sängerin Siedah Garrett. Quincy Jones hatte Ballard und Garrett per Telefon den Auftrag erteilt, einen Song für ein neues Album zu schreiben. Bemerkenswert ist, dass die beiden Künstler für die Komposition nur zwei Treffen benötigten. Noch in der selben Woche setzte sie ein erneuter Anruf darüber in Kenntnis, dass Michael Jackson den Song für sein neues Album Bad ausgewählt hatte (vgl. Webb 2010). Die Aufnahmen zu MAN IN THE MIRROR fanden im Frühjahr 1987 in den Westlake Recording Studios in Hollywood statt. Die LP Bad erschien am 31. August 1987, die Singleauskopplung am 9. Januar 1988. Im selben Jahr führte Jackson den Song bei den Grammy Awards am 2. März zum ersten Mal live auf (vgl. Grant 1997: 110).
 

II. Kontext

Der Songtext spiegelt das soziale Engagement Jacksons wider, der sich für 39 Hilfsorganisationen engagierte und bis zu seinem Tod insgesamt über 300 Millionen Dollar spendete, wofür er auch einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde bekam. Auch alle Tantiemen von MAN IN THE MIRROR spendete er der Wohltätigkeitsorganisation Camp Good Times, die unheilbar an Krebs erkrankte Kinder betreut (vgl. Taraborelli 2000: 462-463).

Einerseits ist der Inhalt des Songs ein Aufruf zur Nächstenliebe. Er schildert u.a. das Erkennen von Leid und Armut und spricht von den Menschen hinter den Schicksalen. Mit der Botschaft, dass bei der Person im Spiegel begonnen werden muss, wenn ein Wandel erreicht werden soll, ruft der Song dazu auf, sich selbst und die eigene Umwelt zu reflektieren, Schlüsse zu ziehen und umzusetzen, um eine bessere Welt zu erschaffen.

Andererseits benutzt Jackson hier die Anspielung auf seine karitativen und sozialen Engagements für seine inzwischen stark voranschreitende Selbstinszenierung als Philanthrop, auch wenn das dazugehörige Musikvideo vordergründig auf die visuelle Darstellung des Künstlers verzichtet und stattdessen Originalaufnahmen vom Leid in der Welt wie z.B. Hungersnöten oder Aufständen zeigt. Der Betrachter sieht das Elend auf der einen Seite und das positive Wirken von Personen wie Martin Luther King oder Mutter Theresa auf der anderen. Implizit reiht sich Jackson hier ein (vgl. Künzler 2009: 155).
 

III. Analyse

MAN IN THE MIRROR beginnt in G-Dur und steht im 4/4-Takt (100 bpm). Die Album-Version hat eine Dauer von 5:19 Minuten, die Single- und Videoversion ist 17 Sekunden kürzer, da im Outro sechs Takte gekürzt wurden.

Der Ablauf des Songs gliedert sich wie folgt: Intro - Strophe - Strophe - PreChorus - Chorus - Interlude 1 - Strophe - PreChorus - Chorus - Chorus - Chorus - Interlude 2 - Chorus - Interlude 3 - Outro.

Nach dem viertaktigen Intro, in dem die Melodie des Synthesizers nach zwei Takten durch Fingerclicks auf den Zählzeiten zwei und vier begleitet wird, beginnt die erste achttaktige Strophe, in der die Worte "I am gonna make a change" (00:10) das Hauptmotiv des Textes andeuten. In der zweiten Strophe setzen Bass, Keyboard und Schlagzeug ein und schaffen damit eine erste dynamische Steigerung (00:29). Mit den Worten "A summer's disregard" folgt ein achttaktiger PreChorus, der sich harmonisch von Intro und Strophen unterscheidet und zum ebenfalls achttaktigen Chorus überleitet. Dort wird die Intensität durch die Veränderung des Schlagzeug-Rhythmus, der ab 01:07 zu einem durchgehenden Viertelrhythmus übergeht, noch weiter gesteigert. Bei 01:27 beginnt mit der starken Betonung der Zählzeiten zwei und vier ein viertaktiges Interlude, das, bis auf den letzten Takt, die gleiche Akkordstruktur wie die Strophen hat.

Die zu Anfang aufgebaute rhythmische und dynamische Energie wird noch bis über die dritte Strophe, den folgenden PreChorus und den zweimal wiederholten Chorus beibehalten. Nach einem kurzen Break rückt der dritte Chorus (2:52) einen Halbton höher, sodass nicht mehr G-Dur, sondern As-Dur die Grundtonart bildet. An dieser Stelle markiert das Einsetzen eines Gospel-Chores den musikalischen Höhepunkt des Songs. Über ein viertaktiges Interlude mit dem prägnanten, alterierten Akkord Eb7 (Eb7 #5 #9) wird ein weiterer Chorus in der neuen Tonart As-Dur erreicht. Nach einer kurzen Reduzierung der Dynamik und Instrumentation über acht Takte (3:50), in denen der Chorus zu verklingen scheint und die harmonisch wieder an die Strophen erinnern, schließt sich das Outro von 32 Takten Länge an. Charakterisiert wird es besonders durch den Akkord Db (add9) und die immer wiederkehrenden Worte "Make that Change" des Chores, der den Appellcharakter des Textes durch stilistische Anleihen aus der Gospelmusik unterstützt.
 

IV. Rezeption

Der Song wurde am 26. März 1988 zum Spitzenreiter der US Billboard Hot 100 und hielt sich über 17 Wochen in den US-Charts. MAN IN THE MIRROR war Jacksons zehnter Titel, der Platz eins der US-Charts erreichte; gleichzeitig wurde er mit Bad der erste Künstler mit vier Nummer-Eins-Hits aus einem einzigen Album. Jedoch erreichte Jackson sein Ziel nicht, die Verkaufszahlen von Thriller zu übertreffen, empfand das als persönliche Niederlage und durchlebte gar eine Phase von Depressionen (vgl. Taraborelli 2000: 426-427). Der Erfolg inspirierte jedoch andere Künstler wie den Gitarristen Tuck Andress, der als erster ‒ zwei Jahre nach der Veröffentlichung von MAN IN THE MIRROR ‒ den Song coverte. Neben zahlreichen weiteren Coverversionen entstand 2003 auch eine Aufnahme der Textautorin Siedah Garrett.

Nach Michael Jacksons Tod im Jahr 2009 erreichte der Song erneut Platz 1, dieses Mal in den US-amerikanischen sowie in den britischen iTunes Single-Charts. Im Zuge der Beerdigungsvorbereitungen berichtete Siedah Garrett von einer Äußerung Michael Jacksons, dass neben "Imagine" von John Lennon MAN IN THE MIRROR sein Lieblingstitel gewesen sei. Aus diesem Grund wurde bei der Trauerfeier des "King of Pop", während seine Brüder den Sarg aus dem Saal begleiteten, eine Instrumentalversion des Songs vorgetragen (vgl. Johnson 2012).

 

LUKAS KARSTEN

 

Credits

Guitar: Dann Huff
Clap: Ollie E. Brown
Vocals: Michael Jackson, Siedah Garrett, The Andrae Crouch Choir, The Winans
Keyboards: Greg Phillinganes
Synthesizers: Glen Ballard, Randy Kerber
Music/ Writer/ Songwriting: Siedah Garrett / Glen Ballard
Producer: Quincy Jones
Rhythm arrangement: Glen Ballard, Quincy Jones
Synthesizer arrangement: Glen Ballard, Quincy Jones, Jerry Hey
Vocal arrangement: Andrae Crouch
Label: Epic
Recorded: Februar - Mai 1987
Published: 07.09.1987
Length: 05:18 (Album-Version), 05:02 (Single-Videoversion)

 

Recordings

  • Michael Jackson. "Man in the Mirror", Bad, 1987, Epic, 40600, US (CD/Album).

  • Michael Jackson. Man in the Mirror, 1988, Epic, 651388 3, US (CD/Single).

  • Michael Jackson. "Man in the Mirror", History - Past, Present and Future - Book I, 1995, Epic / MJJ Productions, E2K 59000, US (2x CD, Compilation).

  • Michael Jackson. "Man in the Mirror", This Is It, 2009, Epic, 88697606742, US (2x CD/Compilation).

 

Covers

  • Tuck Andress. "Man in the Mirror", Reckless Precision, 1990, Windham Hill Jazz, WD-0124, US (CD/Album).

  • Siedah Garrett. "Man in the Mirror", Siedah, 2003, OM Town, 6021633, US (CD/Album).

 

References

  • Grant, Adrian: Michael Jackson: die komplette Chronik von 1958 bis heute. Königswinter: Heel 1997.

  • Künzler, Hanspeter: Black or White: Michael Jackson - die ganze Geschichte. Höfen: Hannibal 2009.

  • Taraborelli, J. Randy: Michael Jackson: die Biografie. Königswinter: Heel 2000, 426-463.

  • Vogel, Joseph: Man in the music: the creative life and work of Michael Jackson. New York, NY: Sterling 2011.

 

Links

  • Webb, Robert: Story of the Song: Man in the Mirror, Michael Jackson 1987 URL: http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/music/features/story-of-the-song-man-in-the-mirror-michael-jackson-1987-2156491.html [24.06.2013].

  • Garrett, Siedah: Behind the Man In The Mirror* Working with Michael Jackson URL: http://bluerailroad.wordpress.com/siedah-garrett-behind-the-man-in-the-mirror-working-with-michael-jackson/ [24.06.2013].

  • Johnson, Jr. Billy: Siedah Garrett on Writing Michael Jackson's 'Man In The Mirror: I Couldn't Write An 'Oh Baby Baby (Song)'. URL: http://news.yahoo.com/blogs/hip-hop-media-training/siedah-garrett-writing-michael-jackson-man-mirror-couldn-233618345.html [24.06.2013].

      

About the Author

Lukas Karsten studies Musicology at the Hanover University of Music, Drama and Media. The analysis was written in a course of Prof. Dr. Stefan Weiß.

 

Citation

Lukas Karsten: "Man in the Mirror (Michael Jackson)". In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/maninthemirror, 02/2014 [revised 05/2014].

 

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