Uni-Logo

Go West

Village People / Pet Shop Boys


I. Entstehungsgeschichte

GO WEST ist der Titelsong des vierten Albums der Village People. Zu dieser Zeit war die Band so populär, dass sie an zwei Abenden hintereinander den Madison Square Garden in New York füllen konnte. Als die Single-Auskoppelung GO WEST nicht den gewünschten Erfolg brachte, schoben die Produzenten "In the Navy" nach, ein Titel, der seinen enormen Erfolg nicht unwesentlich einem mit Hilfe der US-Navy auf einem Kriegsschiff mit überfliegenden Kampfflugzeugen gefilmten Video verdankt.

Bei der ersten Produktion war von der späteren Band nur Victor Willis (Polizist) dabei, die übrigen Parts wurden von Studiomusikern übernommen. Eine Live-Band wurde erst zusammengestellt, als sich ein erster Erfolg abzeichnete. Willis half auch dem frankophonen Belolo als Ideengeber der Songtexte diese auf Englisch auszuformulieren. 1978 verkaufte Morali die Vermarktungsrechte an den Village People an den Manager von Kiss, blieb aber weiter für die Musik verantwortlich. Das Bemerkenswerte an den Village People ist, wie es ihnen gelang, sowohl mit Codes der Gay-Community zu spielen als auch über die Szene hinaus der Inbegriff für Disco als paradigmatischer Partymusik zu werden. Auf dem Cover des Themenheftes über Disco des Rolling Stone vom 19. April 1979 sind bezeichnenderweise die Village People abgebildet. Dabei waren sie nicht nur eine wesentliche Schnittstelle zwischen homophiler Subkultur und Mainstream, sondern halfen auch mit, den Musikstil Disco als die Partykultur schlechthin zu etablieren. Die retrospektive Frage, ob in den mehrdeutigen Texten der Village People tatsächlich 'schwule Themen' angesprochen würden, ist dahingehend a-historisch, da sie in ihrer Suche nach Eindeutigkeit aus dem Blick verliert, dass offene Bekenntnisse wie der Song "Glad to be Gay" (Tom Robinson, 1978) in den 70er Jahren Gefahr liefen, von den Radiostationen boykottiert zu werden. So weigerte sich etwa BBC Radio 1 den Titel in seiner Hitparade zu spielen. 1992 entschlossen sich das britische Synthypop-Duo Pet Shop Boys, GO WEST für eine AIDS-Wohltätigkeitsveranstaltung in Manchester zu Covern, genauer wohl, zu bearbeiten.
 

II. Kontext

Die Village People begannen als Studioprojekt des Produzententeams Jaques Morali (Musik) und Henri Belolo (Textideen). Angeregt von der homophilen Kultur im New Yorker Stadtteil Greenwich Village (hier liegt die Christopher Street), umgangssprachlich nur "The Village", wovon sich auch der Bandname ableitet, kam ihnen die Idee einer "Boygroup" für ein männliches, homophiles Zielpublikum. Neben Stücken, die in Andeutungen von "schwulen Themen" handelten, sollten die einzelnen Bandmitglieder jeweils ein nordamerikanisches Männlichkeitsstereotyp – das sowohl nationale als auch homoerotische Konnotationen zulässt – repräsentieren. Und so schlüpfen die Bandmitglieder bis heute in die Rolle eines Indianers, eines Polizisten, eines Bauarbeiters, eines Lederbikers, eines Soldaten und eines Cowboys.
 

III. Analyse

"Go West, young man" ist einer der Slogans der Landnahme der USA, des so genannten "manifest destiniy", wesentlich popularisiert von Horace Greeley Mitte des 19. Jahrhunderts. Belolo und Willis ranken um diesen Imperativ die Geschichte eines liebenden Paares, das von der Ostküste der USA genug hat und zur Westküste aufbricht, um ein neues Leben zu beginnen, wo Sonne, Strand und ein unbeschwertes Leben winken. San Francisco war in dieser Zeit ein Mekka für homophile Männer, was eine regelrechte erneute Wanderungsbewegung westwärts auslöste (Connell o.J). Dies kann dem Ideengeber Belolo bewusst gewesen sein, während Willis bis heute darauf beharrt, beim Ausarbeiten des Textes an derlei nicht gedacht zu haben.

Der Song GO WEST basiert harmonisch auf einer Quintfallsequenz, wie sie musikgeschichtlich am prominentesten durch Pachelbels Canon in D repräsentiert wird. Neben einer klaren Strophe-Refrain-Struktur und einem durchgehenden Disco-Beat, welche die Tanzbarkeit gewährleisten, ist das Stück in seiner Call-and-Response Anlage auf müheloses Mitsingen der Hookline "Go West" angelegt – eine Verzahnung von Songstruktur und Performativität wie sie den meisten Hits der Village People eignet.

Insgesamt orientieren sich die Pet Shop Boys am Original der Village People.

Im Text machten sie die "schwulen" Aspekte deutlicher (da die Zweideutigkeiten des Songs längst in Vergessenheit geraten waren), und harmonisch-formal erweiterten sie den Song um ein Intro, eine Bridge und eine Rückung um einen Ganzton.

Hinzugedichtete Strophe der Pet Shop Boys:

„There where the air is free
we'll be what we want to be
Now if we make a stand
we'll find our promised land“

Der Refrain wird im Pet Shop Boys-Arrangement von einem 16köpfigen Männerchor gesungen, der, anders als bei den Village People, den Refrain allein ohne den Frontmann vorträgt, was als Geste der Distanzierung von der Botschaft des Refrains gehört werden kann.

Tennant meint in einem Interview 1996: „There was something poignant about singing that song; it was such a pre-AIDS song with all the gays moving to San Francisco and it had such an innocence“ (Jones 2008). In seiner Historizität erscheint Disco in der Musik der Pet Shop Boys eher als eine Art Zitat. Einerseits steht diese Musik für eine verlorene Zeit der Unschuld in der (schwulen) Party-Kultur in Zeiten vor AIDS, andererseits erheben sie mit ihrem zeitlosen Arrangement den Party-Song GO WEST gewissermaßen in den Adelsstand einer homophilen Roots-Musik. Wie sich Rock immer auf Blues bezieht, bezieht sich elektronikbasierte Tanzmusik vom Schlage der Pet Shop Boys immer auf Disco als kulturgeschichtlicher Großleistung eines Brückenschlags zwischen (in diesem Falle) schwulem Underground und Mainstream; noch heute tanzen auf Pet Shop Boys -Konzerten Frauen mittleren Altes neben jungen schwulen Szenegängern.

Dabei ist das Village-People-Cover im Zusammenhang mit beiden anderen großen Covers der PSBs zu sehen. Während das Elvis-Cover "Always on My Mind" als Verbeugung vor einem der großen Wegbereiter der Popkultur gehört werden kann, könnte es sich beim U2-Cover "Where the Streets Have No Name" um eine kritische klingende Auseinandersetzung mit den Legitimationsstrategien von Rock (und den damit einhergehenden De-Legitimierungen anderer Musikstile) handeln.

Das Video von Regisseur Howard Greenhalgh eröffnet eine weitere Deutungsebene von GO WEST. Neben den Anspielungen auf Manifest Destiny und die homophile San Francisco-Sehnsucht wird im Pet Shop Boys-Video der Song zu einer Post-Cold-War Hymne. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion könnten sich nun die westwärts gewandten Wünsche der Menschen des ehemaligen Ostblocks erfüllen. Der Ikonentransfer von Lenin zur Freiheitsstatue, vom Roten Platz nach Manhattan, vom Denkmal für die Eroberer des Weltalls ins gelobte Land vollzieht sich im computeranimierten Video mit einmontierten gefilmten Figuren und Spielszenen vor der Kulisse von Phantasiearchitekturen: durchtrainierte junge Männer, die möglicherweise Matrosen darstellen sollen, marschieren durch die schöne neue Welt, während Tennant und Lowe gelegentlich singend oder rein dekorativ in bunten Catsuits mit Lampenschirmhüten zu sehen sind.

Eine mögliche Motivation für diese Deutung von GO WEST könnte in der harmonischen Struktur des Songs liegen. GO WEST folgt im Wesentlichen der gleichen harmonischen Struktur wie die Hymen der Sowjetunion aus dem Jahre 1944 – was prinzipiellen Reflexionsbedarf über das Verhältnis von Pophymnen und Polithymnen signalisiert.
 

IV. Rezeption

Gemessen an den bis 1986 65 Millionen verkauften Tonträgern war GO WEST nur ein mittlerer Erfolg für die Village People, die im Erscheinungsjahr des Songs mit dem American Music Award als 'Favorite Musical Group' ausgezeichnet wurden. Die LP erreichte Platz 8 und die Single Platz 45 in den US-Charts. Der Song wurde insbesondere durch die Coverversion der Pet Shop Boys bekannt.

Für die Pet Shop Boys wurde das Cover zu ihrem erfolgreichsten Titel der 90er Jahre, den sie bis heute bevorzugt am Ende von Konzerten spielen. In Deutschland und Irland erreichte das Pet Shop Boys-Cover 1993 Platz 1 in Großbritannien und anderen europäischen Staaten Platz 2. Im Fahrwasser dieses Erfolgs erschien 1996 eine Wiederauflage der Village People LP auf CD.

Als Fußballlied wurde der Song von den Fans verschiedener Vereine (u.a. Arsenal London, Schalke 04) adaptiert und angeeignet.

 

MATTHIAS TISCHER 

 

References

  • Jones, Randy / Bego Mark: Macho Man. The Disco Era and Gay America's "Coming Out". Westport, CO: Paeger Publishers 2008.

  • Mark Butler, Taking it seriously: intertextuality and authenticity in two covers by the Pet Shop Boys. In: Popular Music (2003), 1-19.

 

Links

  • Connell O'Donovan "GO WEST - This is Our Destiny": Arcadia, Gay Flight, and the Idea(l) of California. URL: http://web.archive.org/web/20050320074219/http://home.earthlink.net/~ekerilaz/gowest.html [21.12.2011].

 

About the Author

Matthias Thischer (Prof. Dr. habil.) teaches Social Work, Esthetics and Communication with focus on Culture and Music at the University of Applied Sciences Neubrandenburg.

 

Citation

Matthias Tischer: "Go West (Village People / Pet Shop Boys)". In: Songlexikon. Encyclopedia of Songs. Ed. by Michael Fischer, Fernand Hörner and Christofer Jost, http://www.songlexikon.de/songs/gowest, 12/2011 [revised 10/2013].

 

___________________

top

 
 

 

Benutzerspezifische Werkzeuge